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Der Schweizer Prix-Goncourt-Gewinner ist gestorben

Der Waadtländer Jacques Chessex hat im Verlaufe seines Lebens ein wichtiges Werk geschaffen. Der in Paris und in der Schweiz gleichermassen beliebte «Eremit von Ropraz» verstarb im Alter von 75 Jahren während einer Diskussionsveranstaltung in der Stadtbibliothek von Yverdon.

Eine Hommage von Alain Wey

«Jacques Chessex war eine Kraft, eine Energie, die auf das Bedürfnis, den Wunsch und die Obsession zu schreiben, ein Werk zu schaffen ausgerichtet war», drückt sich sein Freund, der Dichter und Journalist Jean- Dominique Humbert, aus. Jacques Chessex selber definierte den Schriftsteller als «jemanden, der die Literatur preist, indem er der Sprache, dem Stil, den Worten eine Macht, eine heilige Kraft verleiht, die absolut entscheidend ist.»* Der einzige Schweizer Preisträger des Prix Goncourt** (1973 für sein Buch «L’Ogre», auf Deutsch «Der Kinderfresser») verstarb im Alter von 75 Jahren mitten in einer Diskussionsrunde über eines seinerWerke, die in der Stadtbibliothek von Yverdon-les-Bains stattfand. Erinnern wir uns zusammen mit seinem Dichterfreund.

Gott, Sex und der Tod

Ein Werk, das sich über ein halbes Jahrhundert hinzieht, rund hundert Bücher, renommierte Literaturpreise (Schillerpreis, Grand Prix de la langue française, Grand Prix Jean Giono): Jacques Chessex erregte die Gemüter. Ein letztes Mal verursachte er im Februar 2009 einen Skandal, als er «Un Juif pour l’exemple» veröffentlichte. Das Buch erzählt von der Ermordung eines jüdischen Händlers in Payerne (VD) im Jahr 1942. Man mochte Chessex oder man mochte ihn nicht, gleichgültig liess er aber niemanden. Er musste – wie er sich ausdrückte – über eine «Art Fluidum» verfügen, das dafür sorgte, dass er die Aufmerksamkeit auf sich zog. Der französische Literaturkritiker Bernard Pivot sagt über ihn: «Die meisten seiner Erzählungen sind von einem unerbittlichen Realismus, von einer sehr dunklen Sinnlichkeit und einem oft unbarmherzigen Scharfblick. In den Wunden zu bohren, das war es, was Jacques Chessex immer gerne gemacht hat: Er wusste sehr gut, wo es ihn schmerzte, und wo es seine Leserinnen und Leser ganz heftig schmerzen würde.»*** Wie den Schriftsteller, der in rund zwanzig Sprachen übersetzt wurde, in wenigen Worten beschreiben? «Ein Mann mit hohen Ambitionen, bestrebt, sich mit sich selbst, mit dem Schreiben und mit der zu schreibenden Seite zu konfrontieren», erzählt sein Freund Jean-Dominique Humbert. «Ein Langstreckenläufer: Die Intuition für das zu schaffende Werk hatte er schon in sehr jungen Jahren und der Wunsch und das Bemühen zu schreiben durchzog sein ganzes Leben. Er war ein von Gott, Sex und dem Tod besessener Mensch. Diese Dreieinigkeit erfüllt sein ganzes Werk.»

Der Schriftsteller singt Frühmessen

Jacques Chessex ging das Schreiben in mönchischerWeise an. Er ergriff die Feder frühmorgens, denn er stand bereits gegen halb fünf oder fünf Uhr auf. «Er begann mit einem Gedicht, um sich von der Nacht zu reinigen, so wie ein Mönch die Frühmesse singt; danach schrieb er Prosa oder Essays. Er folgte bei der Einteilung seiner Tage einem sehr genauen Rhythmus.» Dichter, Romancier, Novellist, Porträtist, Essayist: Jacques Chessex nutzte zahlreiche Formen des Schreibens. Sein letztes Buch «Le dernier crâne de Monsieur de Sade» wird erst im Januar 2010 erscheinen. Und welches waren die übrigen Leidenschaften von Chessex? «Die Malerei, die er auch selber ausübte. Die Musik und der Blues: Er spielte Klavier. Und selbstverständlich war er ein passionierter Leser. Er liebte Spaziergänge, Ausflüge. Er liebte es, in Kirchen und Friedhöfen herumzustöbern. Er erzählte mir im Scherz, dass gute Leute ihn fragten: Was machen Sie da? Er hatte manchmal recht überraschende Launen und antwortete: «Ich suche Gott!» Die verdutzte Person neigte dann eher dazu, die Polizei anzurufen, als diesem Metaphysiker zu glauben, der in Kirchen und auf Friedhöfen herumstreicht!»

Die Lebensdaten von Jacques Chessex

1934: Geburt in Payerne (VD)
1951–1952: Kollegium St. Michael in Freiburg
1952–1960: Studium der Geisteswissenschaften an der Universität in Lausanne
1956: Sein Vater bringt sich um. Eine Tragödie, die ihn zeitlebens umgetrieben hat.
1963: Schillerpreis für «La Tête ouverte»
1953 und 1964: Mitbegründer der literarischen Zeitschriften «Pays du lac» (Pully) und «Écriture» (Lausanne)
1969–1996: Französischlehrer am Gymnase de la Cité in Lausanne
1973: Prix Goncourt für «L’Ogre» («Der Kinderfresser»)
1992: Prix Mallarmé für «Les Aveugles du seul regard»
1999: Grand Prix de la langue française
2005: Bourse Goncourt de la poésie für «Allegria»
2007: Grand Prix Jean Giono

Schweizerische Neutralität

«Was mich immer geärgert hat, ist, dass dieser Begriff der schweizerischen Neutralität die Seelen und die Herzen untergraben hat, dass er die Courage und letzten Endes die Moral selbst beschmutzt hat. Und dass in diesem Land jede Erscheinung, jedes Auftauchen eines starken Wesens, jedes Auftauchen einer Persönlichkeit, eines gewissen Formats unseren Zeitgenossen unerträglich erscheint. Es ist doch bemerkenswert, dass man sich in einem Land, das seine Zeit damit verbringt, den Alpinismus, die Alpen, die erhabenen Gipfel zu zelebrieren, so sehr vor allem Überragenden fürchtet.»

Dokumentarfilm Littératour de Suisse, TSR, 1998

Schreiben, immer schreiben

«Ich habe es mit Glück 35 Jahre lang im Schuldienst ausgehalten und mir damit die materiellen Mittel beschafft, um ein Werk zu vollbringen, ohne irgendjemanden um etwas zu bitten; das sollte meinen Kritikern zu denken geben. Ich habe Hindernisse überwunden, nicht wenige Flüsse überquert, sei’s über eine Furt oder mit den Füssen im Schlick; ich habe eine gewisse Anzahl menschlicher Dramen erlebt – den Selbstmord meines Vaters beispielsweise oder die Trennungen – und nie habe ich mit Schreiben ausgesetzt. Heute habe ich ein ungewöhnliches Zutrauen zu mir selber. Älter werden heisst für mich nicht abbauen, schlechter werden, sondern besser werden.»

Le Matin, 2000

* Sendung «Voix au chapitre», TSR, 11. August 1975
** Der Prix Goncourt ist der bedeutendste Literaturpreis Frankreichs; wird ein Buch damit ausgezeichnet, ist mit einem Verkauf von 300'000 bis 900'000 Exemplaren zu rechnen.
*** Téléjournal, TSR, 10. Oktober 2009

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