Vom 12. bis 28. Februar 2010 finden die XXI. Olympischen Winterspiele in Vancouver statt. Welche Ambitionen hat die Schweiz in Kanada? Werden wir wieder genauso Medaillen abräumen wie 2006 in Turin?
Eine Standortbestimmung von Alain Wey
Wird die Schweiz an den Olympischen Spielen in Vancouver einen historischen Medaillenrekord erzielen? Wird uns Kanada wiederum Glück bringen wie 1988, als die Schweiz bei den Spielen in Calgary 15 Medaillen einheimste? Solche Ambitionen sind nicht reine Träumereien, denn selten waren die Medaillenaussichten so gut. Bei Swiss-Ski hält man 13 Medaillen im Bereich des Möglichen (siehe Interview mit Urs Lehmann). Gute Voraussetzungen, um den Monat Februar im ganzen Land zu einem Schneesportfest zu machen. Ein Blick auf das Barometer der Delegationsverantwortlichen.
Die Prognosen von Swiss Olympic
2006 an den Olympischen Spielen von Turin rechnete Swiss Olympic mit acht Medaillen, schlussendlich wurden es sechs mehr (siehe Kasten mit den Siegeslisten). Damit wurden die Ergebnisse der beiden vorangegangenen Winterolympiaden in Salt Lake City (11) und vor allem in Nagano (7) weit übertroffen. «Nach den Ergebnissen, die in allen Winterdisziplinen im letzten Winter erreicht wurden, sind wir auf dem richtigen Weg, um ebenso viele Medaillen zu holen wie in Turin», sagt Gian Gilli, Leiter Spitzensport von Swiss Olympic und «Head Coach» der Schweizer Delegation in Vancouver. «Das Potenzial, die Glanzleistung von 2006 zu wiederholen, wäre vorhanden, allerdings müssen die Sportlerinnen und Sportler den Winter auch ohne Verletzungen überstehen, fällt nämlich ein Teammitglied aus, das zwei Medaillen holen könnte, dann müssen wir die Erwartungen nach unten korrigieren.» Für den Schweizer Zeremonienmeister ist es müssig, über die Olympischen Spiele zu sprechen. «Die Athletinnen und Athleten müssen im richtigen Augenblick in ihrer Bestform sein. Das ist das Besondere an den Olympischen Spielen: Man hat nur einmal alle vier Jahre die Chance, sich zu beweisen. Wenn die Athletinnen und Athleten am Tag X bereit sind, werden auch die Medaillen nicht fehlen!» Vor allem im Ski alpin, im Bob, im Ski nordisch – mit Ammann, Küttel und Cologna – sowie im Snowboard und in der Skiakrobatik stehen die Medaillenchancen gut. «Das Potenzial an Athletinnen und Athleten, die es aufs Podium schaffen könnten, ist gross. Die definitive Auswahl der Olympiateilnehmenden wird am 2. Februar 2010 bekanntgegeben.»
Snowboard unter der Lupe
Swiss-Snowboard wird sich für die drei Disziplinen Half-Pipe (HP), Snowboardcross (SBX) und Parallel-Riesenslalom (PGS) mit maximal 18 Startplätzen begnügen müssen. In der Half-Pipe will der Zürcher Iouri Podladtchikov die zweijährige Vorherrschaft der Amerikaner knacken. Beim Weltcupauftakt in Neuseeland erreichte er den zweiten Platz. Auch mit dem Bündner Newcomer Christian Haller muss man rechnen. Wie seine Schwester Ursina Haller holte er sich im vergangenen September in Zermatt den Schweizermeistertitel. Die grössten Medaillenchancen hat die Schweizer Mannschaft jedoch im Snowboardcross der Frauen mit Tanja Frieden (Olympiasiegerin 2006), Sandra Frei (Vizeweltmeisterin 2007), Mellie Francon (Dritte im Weltcup 2009) und Olivia Nobs (Vizeweltmeisterin 2009). Beim PGS wird der interne Ausscheidungskampf im Männerteam mit erfahrenen Fahrern wie Simon Schoch, Roland Haldi, Heinz Inniger, Marc Iselin und dem zurückgekehrten Olympiasieger Philipp Schoch sehr hart werden.
Curling, Bob und Eiskunstlaufen
Beim «Schach auf dem Eis» ist ein erbitterter Kampf zu erwarten. «Beide Teams streben eine Medaille an», bestätigt Jürg Leuenberger von Swiss Curling. Das Team um Skip Mirjam Ott aus Davos (GR) hat bereits zweimal eine olympische Silbermedaille gewonnen, 2002 in Salt Lake City und 2006 in Turin. Zudem waren unsere Curling-Frauen 1996 und 2008 Europameisterinnen und errangen an den Weltmeisterschaften 2008 die Bronzemedaille. «Das Team darf auf eine Medaille hoffen, ob es allerdings Gold sein wird, ist bei der starken kanadischen und chinesischen Konkurrenz fraglich.» Das Männer-Team um Skip Ralph Stöckli von Club Basel-Regio beendete die OS von Turin auf dem 5. Rang, an den Weltmeisterschaften erreichte es 2003 den 3., 2007 und 2009 den 4. Rang. «Die grossen Gegner werden Kanada, Norwegen, Schottland – der aktuelle Weltmeister, der unter britischer Flagge spielen wird – sowie Deutschland sein.» Beim Bob sind mit den Teams von Ivo Rüegg oder Beat Hefti Medaillenhoffnungen erlaubt. Die Rückkehr von Stéphane Lambiel im Eiskunstlauf ist bestimmt ein gutes Zeichen. Ob er mit der neuen Generation von Eiskunstläufern mithalten kann, bleibt allerdings noch abzuwarten. Wetten, dass das Olympia-Fest zum Medaillenfestival wird?
Urs Lehmann, Präsident von Swiss-Ski: «13 Medaillen»
Schweizer Revue: Ihre Ziele für die Olympiade in Vancouver?
Urs Lehmann: Unter dem Dach von Swiss-Ski sind acht Disziplinen vereint, in sieben davon werden an der Olympiade Wettkämpfe ausgetragen, nicht mit dabei ist einzig der Telemark. Nach der Analyse der letztjährigen Ergebnisse setzen wir auf 13 Medaillen.
In welchen Disziplinen hat die Schweiz die besten Medaillenchancen?
Im Ski alpin rechnen wir mit sechs Medaillen, vier bei den Männern und zwei bei den Frauen. An der Weltmeisterschaft 2009 belegte die Schweiz zum ersten Mal seit 20 Jahren in der Nationenwertung Platz eins. Auch wenn die Teilnahme von Lara Gut nicht sehr wahrscheinlich ist, liegen bei den Damen mit Fabienne Suter, Dominique Gisin, Fränzi Aufden-blatten oder Nadia Styger zwei Medaillen drin. Bei den Herren bewiesen die beiden Weltmeister schon zum Saisonauftakt, dass mit ihnen zu rechnen ist: Didier Cuche wurde Erster und Carlo Janka Dritter. Ein weiterer Medaillen-anwärter ist Didier Défago, der letztjährige Gewinner der Abfahrten von Wengen und Kitzbühel.
Wie sieht’s im Snowboard aus?
Das Team gewann an den Weltmeisterschaften vier Medaillen: Fränzi Mägert- Kohli und Patrizia Kummer im Alpin-Snowboard, Mellie Franco und Olivia Nobs im Snowboardcross. Dieses Jahr hoffen wir auf drei Medaillen: Zwei bei den Frauen im Snowboardcross und eine im Alpin. Einfach wird es allerdings nicht bei der starken Konkurrenz aus Amerika.
Und in der neuen Freestyle-Disziplin, dem Skicross?
Die Schweiz ist in neuen Disziplinen in der Regel recht stark. Wir denken, dass die Chancen mit Michael Schmid und Andreas Steffen, aber auch mit den Frauen, die letztes Jahr Weltcup-Rennen gewonnen haben, intakt sind. Eine Prognose ist jedoch sehr schwierig, da es sich nicht um einen etablierten Sport wie Snowboard oder Ski alpin handelt. In der Skiakrobatik ist natürlich der Olympiasiegerin Evelyne Leu eine Medaille zuzutrauen und das junge Männerteam ist ebenfalls sehr vielversprechend: Gleich vier der Fahrer befinden sich in der Gesamtweltcup- Wertung unter den Top-Ten, so beispielsweise Andreas Isoz und Thomas Lambert. Alles in allem erwarten wir im Freestyle eine Medaille.
Und im Skispringen?
Simon Ammann und Andreas Küttel haben an den Weltmeisterschaften 2009 beide einen Medaillenplatz ergattert (1. und 3.). Wir rechnen mit einer Medaille, umso mehr als Ammann 2009 im Weltcup-Gesamt-klassement den 2. Platz belegte und auf sehr hohem Niveau grosse Konstanz an den Tag legt.
Langlauf?
In dieser Disziplin erwarten wir zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wiederum eine Medaille. Entweder von Dario Cologna, der 2009 das Gesamtklassement anführte, oder von der Männer-Staffel. Nicht zu vergessen sind auch Curdin Perl und Toni Livers, die bisher im Schatten von Cologna geblieben sind, bei den Trainings aber dieselben Resultate erlaufen.
Blick auf die Olympia-Stadt:
Vancouver, zwischen den USA und Alaska gelegen
«The best games ever!» Kanada setzt alles daran, dass ihre Olympiade zu einem grossen und unvergesslichen Fest wird. Die Delegationen der Eissportarten, des Snowboards und der Skiakrobatik finden im Olympischen Dorf in Vancouver Unterkunft. Die übrigen Disziplinen sind im Dorf Whistler untergebracht, das rund 120 Kilometer von Vancouver entfernt in den Coast Mountains liegt. Die Olympiastadt und ihre Umgebung zu beschreiben würde bedeuten, ein Reisetagebuch im Stile Jack Londons zu verfassen. Auf der einen Seite grenzt die Stadt an den Pazifik mit seinen zahlreichen Buchten, Kaps, Fjorden und Inseln. Majestätische, mit Schnee bedeckte Gipfel fallen bis ins Meer hinab und inmitten dieser Kolosse verstecken sich smaragdgrüne Seen. Schon die Bäume allein sind wunderbare Zeugen dieser geschützten Natur: Sie können es mit ihrem Durchmesser durchaus mit einem mittelalterlichen Turm aufnehmen. Eine Landschaft von aussergewöhnlicher Schönheit, kombiniert mit kanadischer Gastfreundschaft – was kann man von Olympischen Spielen mehr verlangen?
14 MEDAILLEN
AN DER OLYMPIADE 2006
IN TURIN:
5 x Gold, 4 x Silber und 4 x Bronze. Zudem weitere 24 Diplome (für Klassierungen unter den ersten acht).
6 MEDAILLEN
AN DER WELTMEISTERSCHAFT 2009
IN VAL D’ISÈRE
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