Zur Schweizer Revue Startseite

«Das Unbekannte hereinlassen»

Bei Stockmanns in Dübendorf ist die Haustüre offen für Gäste aus aller Welt. Dutzende von Auslandschweizer Jugendlichen wurden hier schon in das typische Schweizer Leben eingeführt. Zu Besuch bei einer ASO-Gastfamilie.

Von Claudio Zemp

In dieser Stube sind regelmässig junge Leute zu Gast. Francesca Stockmann, Marcio Aggeler, Mirjam Stockmann und Curdin Spirig im «Casa vivaio di Gaia» in Dübendorf/ZH.

Das offene Haus hat Tradition. Als Francesca Stockmann (61) 1999 zurück in ihr Elternhaus nach Dübendorf zog, beschwerte sich ihr damals 90-jähriger Vater, wenn einmal zwei Wochen lang niemand zu Gast war. Seit fast 20 Jahren nimmt die Lehrerin jedes Jahr mindestens einen Ausland-schweizer auf. Die halbe Welt war schon zu Gast in Dübendorf, darunter Jugendliche aus Paraguay, Japan, Holland und Guadeloupe. Die zwei Gästezimmer in Francescas «Villa Kunterbunt» werden aber nicht nur von Auslandschweizern geschätzt. Aktuell lebt der 20-jährige Curdin Spirig aus dem Engadin in der Familie. Der Student an der ETH Zürich bestätigt den Eindruck: «Hier gehen jenste Leute ein und aus!»

Der Reiz der Verständigung

Zwei davon sind Francescas Tochter Mirjam Stockmann (30) und ihr Mann Marcio Aggeler (27). Das frisch verheiratete Paar ist selber Gastfamilie. «Unser erster Gast aus Australien schlief auf dem Sofa der WG», erinnert sich Mirjam. Vor seiner Ankunft hatte sie Zweifel, ob dem Fremden der Komfort genügen würde. Es gefiel ihm aber dann so gut, dass er oft wieder vorbeikam, nachdem sein Sprachkurs beendet war. «Er wollte bei uns bleiben», erinnert sich Marcio.

Letzten Sommer war «Junior» aus Frankreich bei den beiden. «Ich habe nie einen Menschen gesehen, der so viel ass», lacht Marcio. Der in der Romandie aufgewachsene Bankangestellte konnte mit «Junior» dafür sein Französisch aufwärmen. Längst nicht alle jungen Auslandschweizer sprechen eine Schweizer Landessprache. «Als Gastgeber braucht es ein Flair für die Sprache», sagt Mirjam. Auch ihre Mutter liebt Fremdsprachen: «Es ist faszinierend, in allen Sprachen zu reden». Ihr Haus ist übrigens ein kleines Kulturzentrum. Francesca dekoriert die Stube mehrmals jährlich neu und organisiert immer wieder Lesungen und Hausmusikabende.

Sofort bei Land und Leuten

Mirjam weiss, was eine Gastfamilie wert ist. Nachdem sie Marcio 2003 kennengelernt hatte, reisten die zwei nach Brasilien und wurden dort von einer Familie aufgenommen. Für Mirjam war dies die beste Anlaufstelle: «Man ist viel schneller bei Land und Leuten als ein Tourist, der vom Hotel aus den Sehenswürdigkeiten nachrennt.» Marcio und Mirjam lassen ihre Gäste am eigenen Leben teilnehmen. Sie zeigen ihnen Ausgangs-möglichkeiten und nehmen sie zu Einladungen bei Freunden mit. «Neben dem Platz zuhause muss man sich auch Zeit nehmen», betont Mirjam. Die Ausflüge mit Auslandschweizern an den Rheinfall oder nach Luzern sind aber auch für die Gastgeber ein Spass.

«Die Gäste lernen das Leben so kennen, wie wir es haben», sagt Mirjam. Dazu gehört auch die Freiheit, selbstständig die Schweiz zu entdecken. Einmal musste Marcio einen Teenager nachts in der Stadt holen, weil er den Weg nach Hause nicht mehr fand. Mittlerweile ist bei Mirjam die Angst verschwunden, dass ein Gast ihren oft improvisierten Alltag als Schock empfinden könnte.

Austausch mit der Welt

Stockmanns teilen ihre private Welt gerne mit Wildfremden. «Man lässt das Unbekannte in die eigenen vier Wände, das ist gerade der Reiz», ist Mirjam überzeugt. Auch die Gäste lassen sich auf ein kulturelles Experiment ein. Mit der Schweizer Nationalität gibt es mindestens einen Link, sagt Francesca: «Das schafft eine Verbundenheit, und sei es nur durch einen Innerschweizer Namen.» Die herzliche Gastmutter hat bei aller Gäste-vielfalt ihre Aufnahmepolitik nie in Frage gestellt: «Ein offenes Haus gibt Geschichten!» Wie etwa jene von den zwei Damen aus New York, denen sie vor Jahren ein Obdach bot. Die Ladies entpuppten sich als «Gesund-beterinnen», die Francesca bekehren wollten. Die Witwe eines Pastors konterte den missionarischen Eifer mit einer Klarstellung am Küchentisch.

Die Stories gehen Stockmanns nicht so rasch aus. Francesca sammelt die Adressen, Fotos und Dankeskarten ihrer Schützlinge. Die weltoffene Dübendorferin profitierte bei Reisen selbst schon von den Kontakten. Ob in Australien oder in Spanien, überall fand sie Unterschlupf bei Auslandschweizern. Nach ihrer Pensionierung möchte Francesca Shanghai besuchen. Sie weiss schon, bei wem sie anklopfen wird. Und wenn Mirjam und Marcio bald in ein neues Heim zügeln, werden sie auch dort ein Gästezimmer parat haben.

Print Print

Schweizer Alltag im Original

Die Auslandschweizer-Organisation ASO vermittelt Gastfamilien an junge Auslandschweizerinnen und Ausland-schweizer. Für die Jugendlichen zwischen 15 und 25 ist dies der direkteste Weg, den Alltag einer Schweizer Familie zu erfahren. Pro Jahr werden rund 70 Jugendliche in Gastfamilien untergebracht.

Info: Jugenddienst der ASO, Prisca Blindenbacher, +41 31 356 61 00, youth@aso.ch, www.aso.ch